China

Ich kann nicht mehr.

Sorry, haben uns lang nicht gemeldet. Brauchten ein wenig Ruhe nach China, war ziemlich anstrengend. An alle Chinaliebhaber, Sinologen und solche die bald mit dem eigenen Fahrzeug durch China reisen werden: Dies wird jetzt nicht direkt eine Liebeserklärung. Ihr müsst jetzt ganz, ganz stark sein.

Bereit? Als Töff China zu bereisen ist SCHEISSE! Und ich meine nicht einfach es bitzeli müehsam und unagnähm, sondern geradezu beschissen! Hier eine Auflistung von Gründen wieso man nur selber durch China fahren sollte wenn es wirklich, wirklich nicht anders geht:

Bürokratie (Auszug)

  • Um mit einem ausländischen Motorfahrzeug China zu durchfahren, benötigt man (neben dem ganzen Visazeugs) einen staatlich zugelassenen Guide welcher einen auf Schritt und Tritt begleitet. Der Guide braucht einen staatlich zugelassenen Fahrer und der Fahrer ein staatlich zugelassenes Auto. Guide und Fahrer müssen verpflegt, untergebracht und von einer staatlich zugelassenen Reiseagentur beauftragt werden.
  • 5h Grenzmarathon bei Einreise.
  • Einmal eingereist, darf man nur in staatlich zugelassenen Hotels nächtigen denen es erlaubt ist Ausländer zu beherbergen. Camping (ausser in Yunnan) strengstens verboten.
  • Es bedarf eines Chinesischen Führerausweises für den Menschen und eines Chinesischen «Kennzeichens» für uns. Um an diese zwei Dokumente zu gelangen sind volle zwei Tage Warten auf diversen Ämtern notwendig.
  • Damit wir betankt werden dürfen, müssen sie sich an vielen Tankstellen mit Pass und Reisegenehmigung registrieren um danach ausserhalb der Tankstelle mit schmutzigen Eimern den Sprit in- (und häufig über) den Tank geleert zu bekommen. Denn Motorräder direkt an der Zapfsäule zu betanken ist (zumindest in den Provinzen Xinjiang, Gansu, Qinghai und Tibet) illegal.
  • Motorräder auf Autobanen sind illegal. (Ab und zu)
  • Alle paar 100km ein Checkpoint mit jeweils unterschiedlichen Regeln, je nach Laune des gerade diensthabenden Chefs

Der (durchschnitts-) Chinese…

  • …Ist ein Sauhund. Rotzt, Niesst, Glotzt, Raucht (überall, fortwährend) und hat keinen Sinn für persönlichen Raum.
  • …Muss uns ständig begrapschen, alles müssen sie anfassen und mit meinen Schaltern rumspielen. Ich hasse es!
  • …akzeptiert ein Nein nur dann, wenn es in einer unangenehm aggressiven und lauten Weise vom Menschen von sich gegeben wird. Ständig müssen unsere Fahrer irgendwelche Chinesen von unseren Sätteln zerren.
  • …fotografiert und filmt uns fortwährend und ungefragt. Wenn wir pro Foto das von uns gemacht worden ist einen Stutz bekommen hätten, wäre die gesamte Reise finanziert. Locker.
  • …hilft selten und versteht auch weitestgehend keine Zeichensprache. Kommunikation ist äusserst mühsam.
  • …wird schnell aggressiv, wenn mach seinen Anweisungen nicht sofort nachkommt.
  • …trinkt sein Bier in Shotgläsern und warm. Ich meine, common! Souhünd!

Der Verkehr

  • Der Verkehr ist so asozial wie nirgends sonst. Ich zuerst und nach mir die Sintflut. Wir erleben jeden Tag Stau, weil jemand, aus mangelnder Voraussicht, die Strasse blockiert. Manchmal stehen wir stundenlang eingepfercht zwischen (laufenden) LKWs, nur um herauszufinden, dass sich zwei Fahrer an einer Kreuzung gegenseitig im Weg stehen und keiner zurücksetzten will.
  • Jeden Tag mindestens eine Vollbremsung, weil jemand auf deiner Spur entgegenkommt, Gegenstände oder Viecher auf der Fahrbahn sind oder Verkehrsteilnehmer einfach ohne zu schauen in die Strasse einbiegen. Wir reisen nach über 13’000km mit 3/4 intakten Bremsklötzen nach China ein, nun brauchen wir nach nur 5000km China dringend neue, weil sie alle bis zum letzten Zehntel runter sind.
  • Wegen den latenten Gefahren im Verkehr müssen sie stets so fokussiert und wachsam sein, dass die oft wunderbaren Landschaften um sie herum häufig unbemerkt bleiben.
  • Wir sind in einer Gruppe von vier Motorrädern und vier Autos unterwegs und hatten insgesamt vier Unfälle und drei Handgreiflichkeiten (wovon eine mit dem technischen K.O. eines Chinesischen Busfahrers endete).
  • Das stetige Gehupe geht einem nach gewisser Zeit sowas auf die Ölwanne. Sie hupen für alles: Ich komme, ich überhole, ich biege jetzt ab, ich bleibe auf der Spur, du Arschloch!, hallo, geili Sieche!, mein Aschenbecher ist voll, …

“Die Wurzeln solcher Probleme sind ja meistens bei einem selber zu suchen, schliesslich sind wir fremd hier und haben uns anzupassen”, debattieren sie. Das funktionierte bis anhin ja auch wunderbar. Meist versteht der Mensch das neue System einfach noch nicht und flucht dann, weil er meint zu wissen wie es funktionieren sollte. Dann später, wenn er die neuen Algorithmen zu erkennen vermag, dämmert es und er erkennt, dass er selber das Problem ist. Was sie damals, als Beispiel, in Zentralasien geflucht haben, weil uns alle Autofahrer im Kreisverkehr regelmässig fast abgeschossen hätten, bis sie bemerkt haben, dass im Kreisverkehr auch Rechtsvortritt gilt…

Aber auch bei kritischster Selbstreflexion (ja, Motorräder können das) und Zen-ness gegenüber der wirklich anderen Kultur hier und auch nach genügend zeitlichem Abstand zu den Ereignissen muss ich Euch warnen ihr Overlander die ihr China bereisen wollt: Bringt Geduld, Ruhe und Verständnis mit nach China! Kübelweise!

So, genug gehasst. Natürlich hatte China auch seinen Charme: Seine Fremde fasziniert, die Strassen sind vielfach perfekt, das Essen, so sagen sie, sei sehr gut und die Landschaften die an uns vorbeiziehen sind schlicht spektakulär. Sie wollten Abenteuer, jetzt haben sie es. Ich probier’s mal von Anfang an:

      Es ist der 12. Juni 2017. In Zarkent, am Süd-Ost Zipfel von Kasachstan, treffen wir erstmals auf den Rest unserer grossen Reisegruppe. Die beiden anderen Motorräder und ihre Fahrer Pascal aus Belgien und Dominic aus Bern kennen wir ja bereits. Dann wären da noch die Franzosen: Chanthary und Amaury in einem Nissan Patrol, Olivier und Henry in einem Landrover Defender mit Camper Aufbau, Michel und Samaphorn in einem wüstentauglichen Landrover Defender, Elena und Christophe in einem ziemlich heruntergekommenen Suzuki Vitara und Cecile und Pierre in ihrem beeindruckend zum Camper (mit Sofa, Dusche, WC, TV, PlayStation, 125cc Honda, Holzofen, Parkettboden, …) ausgebauten acht Tonnen Iveco Lastwagen.

Wir suchen uns erstmal ein lauschiges Plätzchen zum campen und lernen uns bei BBQ, Bier und Wein etwas näher kennen. Die Gruppe ist toll, dass können sie jetzt schon sagen. Alles nette, lustige und zu allen Schandtaten bereite Overlander.

Kasachstan (und somit die Eurasische-Wirtschaftsunion) zu verlassen stellt sich als äusserst langwieriger Prozess dar. Insgesamt sechs Stempel aus sechs verschiedenen Büros gilt es einzuholen. Das grosse Warten und fotografiert werden hat begonnen und es sollte die nächsten 27 Tage unser stetiger Begleiter bleiben. Am Chinesischen Zoll begrüsst uns unser erster China-Guide, sie ist in unserem Alter und spricht exzellentes Chinenglisch. Nach Sichtung der Iranischen Visas im Pass werden die beiden Holzköpfe erst mal ins Nebenzimmer gebeten und ein guter alter Staatstrojaner wird auf ihren Handys installiert, das werden sie aber erst in etwa einer Woche merken. Nach dem scannen sämtlicher Gepäckstücke und der Beschlagnahmung der grossen Messer ist es dann, 7,5h später, geschafft. China!

Am selben Tag fahren wir noch nach Yining und werden auf einem öffentlichen Parkplatz vor einem üblen Touristen-Betonklotz von einem Hotel abgestellt. Die nächsten zwei Tage verbringen wir zwischen diesem Parkplatz und vor diversen Ämtern und Prüfhallen. Die Menschen werden derweil von Büro zu Büro gejagt, hin und zurück, keiner scheint auf die Situation Ausländer vorbereitet, keiner übernimmt Verantwortung, immer muss der Chef her, der dann seinerseits seinen Chef aufsucht. Stundenlange Diskussionen, ewiges Gewarte. Es sind ganze zehn (ohne Scheiss!) Formulare die der Guide pro Fahrzeug mit sich führt, um überhaupt zur «technischen Inspektion» zugelassen zu werden. Die genannte Inspektion beschränkt sich dann bei uns Motorrädern auf das Kontrollieren von Licht und Hupe und ist in fünf Minuten erledigt. Wir Motorräder bestehen natürlich mit wehenden Flaggen währenddessen sich das ganze Strassenverkehrsamt um uns traubt wie die Fliegen um frische Scheisse. 

Bei den Autos sieht’s etwas anders aus. Der Patrol aus den 80er Jahren hat konstruktions­bedingt auf der Hinterachse weniger Bremsleistung als auf der Vorderachse, das kann der chinesische Prüfer so nicht akzeptieren und lässt sie prompt durchrasseln. Safina, unser Guide, erleidet ihren ersten Nervenzusammenbruch währenddessen die anderen Menschen probieren das Bremsproblem in den Griff zu kriegen. Erfolglos, auch die zweite Prüfung scheitert am Computer des Bremsprüfstandes. Und auch die folgenden, nächtlichen Bemühungen die Bremskraft hinten zu verstärken verlaufen im Leeren als der chinesische Mechaniker den Bremsverteiler komplett abreisst. Nach dem darauffolgenden Wutausbruch Amaurys gegenüber dem Chef des Amtes sind dann auch alle diplomatischen und korruptionstechnischen Brücken eingerissen und sie müssen sich von den dämlichen und unlogischen Regeln der chinesischen Prüfer geschlagen geben. Der Patrol erhält keine Zulassung und muss unter fliessenden Tränen seiner Besitzer zurück nach Kasachstan transportiert werden. Für Chanthary und Amaury ist die Reise hier zu Ende. Gescheitert and der chinesischen Bürokratie.

Was dann folgt ist die wohl herzzerreissendste Reisegeschichte die ich meiner Lebtage erleben durfte: Der Rest der Gruppe kann die Niederlage nicht akzeptieren, es wird emotional diskutiert und nach Lösungen gesucht. Sie präsentiert sich in Form von beispielloser Selbstlosigkeit der beiden Lastwagenfahrer Pierre und Cecile. Sie erklären sich bereit, ihren mit Liebe umgebauten LKW Innenausbau zu zerlegen um den Patrol darin zu verstauen und durch China zu transportieren(!) Nach Absegnung durch die Reiseagentur beginnt die ganze Gruppe sogleich mit vereinten Kräften, begleitet von lauter Musik von ACDC, den Iveco auseinanderzureissen. Es herrscht revolutionsvorbereitende Aufbruchstimmung. Jeder packt an, sogar der Hotel Nachtwächter hilft mit und gegen 3 Uhr morgens ist es dann geschafft. Der Luxuscamper ist zurück zum Lastwagen transformiert und hat nun anstatt Kühlschrank, Sofa und Fernseher einen Nissan Patrol auf der Ladefläche.  Soviel zu den ersten drei Tagen China.

 

Iveco Transformation

The Iveco transformation

Die nächsten Tage verbringen wir vor allem mit einem: Marathonetappen zurücklegen. 400, 450, manchmal sogar 550km sind es pro Tag die wir hinter uns bringen müssen. Weitestgehend unspektakuläre, ja geradezu langweilige schnurgerade Asphaltstrassen. Mit 43.3°C erreichen wir in der Wüste Gobi unser Temperaturmaximum. Mensch muss das Visier zuklappen weil die Luft sonst die Haut verbrennt. Ja, sie hören Rammstein, tragen diszipliniert sämtliche Schutzausrüstug und stöhnen leise vor sich hin während Emil und ich mühelos weiterrollen, schliesslich sind wir Africa Twins und keine Arctic Twins.

Der Verkehr ist noch einigermassen auszuhalten hier in den Provinzen Xinjiang und Guansu, ab und zu ein Lastwagen der uns abdrängt oder ein Kamel das gemächlich die Autobahn überquert, sonst nichts weiter Aufregendes. Dominic fährt mal eine Velofahrerin um die auf seiner Spur entgegenkommt und dem stehenden LKW rast ein Roller in die Seite. Beides klare Fälle sollte man meinen. Natürlich sehen das die chinesischen Polizisten anders und belegen uns mit Bussen und Schmerzensgeld. (Wenn ihr Ausländer nicht hier wärt, wäre der Unfall nicht passiert, eigentlich logisch oder?) Sonst passiert nicht viel. Dafür werden die Tankerei, das ein- und auschecken in Hotels und das Parken zur Farce. Die Chinesen sind so unglaublich kompliziert. Es gibt ganz, ganz selten ein klares Ja oder Nein. Ein Tankvorgang dauert im Mittel 40min. Ewige Diskussionen zuerst mit den Sicherheitsfuzzies an der Schranke zur Tankstelle, dann mit dem Tankwart, dann mit dem Tankstellenmanager, dann mit dem Regionalmanager der Tankstellenfirma per Telefon. Bevor wir dann aus Teekannen betankt werden dürfen. Gleiches Spiel beim Parken. «Bitte hier parken», «Nein doch hier», «Nein, ähm sorry, hier bitte». Nicht selten stellen sie uns zwei- dreimal um bis das Hotelmanagement sich entschieden hat. Die «darf-ich-jetzt-bitte-mein-Depot-für-den-Hotelschlüssel-zurück-haben-Debatte» erspare ich Euch an der Stelle. Wenigstens dürfen wir Töffs vorneweg fahren, manchmal sogar bis zum nächsten Hotel. Die Autos folgen dann meist später. Häufig wegen des langsam schwächelnden Iveco, Kupplungs- und Kühlsystemprobleme plagen Ihn. Fast täglich wird daran geschraubt. Auch der Suzuki hat ab und an technische Schwierigkeiten. Zum Glück haben wir drei Mechaniker in der Gruppe.

 

Dann geht es endlich richtig los, wir machen uns auf die Tibetische Hochebene zu. Die Berge in der Ferne lassen es erahnen: Kurven, endlich wieder Kurven! Das Altimeter auf dem Navi zählt aufwärts während das Thermometer langsam gegen den Uhrzeiger wandert. Nachdem wir in Golmud unseren Guide durch einen neuen ersetzt kriegen (Nervenprobleme) warten wir am nächsten Tag in Nagqu auf 4500m 24h auf den LKW. Der bleibt wegen eines Reifenplatzers in Amdo stecken. Es war das einzige Reserverad welches sie dabei hatten, hoffentlich passiert da nichts mehr.

Obwohl Nagqu geografisch zur Provinz Qinghai zählt, ist es dem Tibetischen Kulturraum zuzuordnen. Wir sehen die ersten, die für Tibet typischen, Gebetsfahnen an den Tempeln und den Passhöhen im Winde wehen. Mit steigender Höhe und der damit einhergehenden dünneren Luft, kommt für uns ein kleiner Leistungseinbruch und für die Menschen die gefürchtete Höhenkrankheit zu Tage. Mindestens vier der Gruppe erwischt es. Von Kopfschmerzen geplagt kriechen die Franzosen wie Zombies aus Ihren Betten, in der Hand halten sie Sauerstoffflaschen. Unseren beiden Saftsäcken geht es anscheinen blendend, auf jeden Fall rauchen und saufen sie weiter wie seit Anbeginn. Auf dem Weg nach Haixi überqueren wir die Kulun Mountains und brechen den Pamir Höhen Rekord knapp als wir nun im eigentlichen Tibet einrollen. Die folgende Nacht in Haixi auf über 4600m macht die gesundheitliche Situation der Höhengeplagten nicht viel besser, im Gegenteil. Am darauffolgenden Tag folgt der Höhepunkt Chinesischer Dummheit. Und ich meine Dummheit, hab mir das Wort gut überlegt.  Hört es Euch an: Zweispurige Strasse, LKW stauen sich bergauf aufgrund der hoffnungslosen Überladung einiger Verkehrsteilnehmer. Verkehr kommt zum Erliegen. Was macht der schlaue chinesische LKW-Fahrer? Na klar! Linke Spur und Vollgas! Natürlich voll in den Gegenverkehr und natürlich machen es ihm duzende nach. Resultat: Vollblockade unter Hupkonzert. Da stehen wir also auf gut über 4000m auf einer schmalen Bergstrasse, auf beiden Spuren stehende LKWs. Zum Glück sind wir geübt im Warten. Stunden später löst sich der Stau langsam und wir können im Schneckentempo weiter gen Gipfel. Es sollte der höchste Gipfel unserer Reise werden. 5238m zeigt das Navi bevor wir uns langsam Richtung Nam-Tso Lake hinunter bewegen. Diese typische Verkehrssituation wird sich noch etliche Male wiederholen bis wir aus China ausreisen, zum Glück wissen dies die beiden noch nicht.

Dann taucht es vor uns auf: Das sagenumwobene, magische Lhasa. Leider ist der Mythos Lhasa unlängst von den Han-Chinesen zerstört, und durch eine Betonwüstenstadt ersetzt worden. Ethnische Tibeter findet man nur noch direkt um den Jokhang im Barkhor am Beten. Dort kommt dann dafür, sofern man am Burger King und anderen chinesischen Fastfood-Ketten und unzähligen Tourishops vorbeischauen mag, ein wenig magisches Tibet Feeling auf. Unser Iveco hat mittlerweile seinen Bremsbelag ganz abgefahren und verschweisst damit seine Trägerplatte mit der Bremsscheibe, Resultat: Rad vorne rechts blockiert. Sie brauchen eine ganze Nacht um die Bremsen mit Gewalt zu lösen und einen Toyota Landcruiser Bremsklotz auf die malträtierte Iveco Trägerplatte aufzuschweissen. Nach einem enttäuschenden Sightseeing Tag in und um Lhasa geht es langsam ostwärts und bergab.

Die Aggressivität der chinesischen Fahrkunst nimmt zu und gipfelt in einem rücksichtslosen Überhohlmanöver eines Reisebusses welches unseren Iveco knapp am Tod auf der Gegenfahrbahn vorbeischlittern lässt. Pierres Sicherungen brennen durch und er befördert den Busfahrer mit einem eleganten One-Punch-Knockout ins Land der Träume. Wieder bei Bewusstsein geht dann das Drama erst richtig los. Polizei, Businsassen und das halbe Dorf fordern nun Schadenersatz. Auch unser zweiter Guide erleidet nun seinen ersten Nervenzusammenbruch. Wir Motorräder (wir sind bereits 100km weiter zu dem Zeitpunkt) werden ebenfalls von den Ordnungshütern einbestellt und müssen die Stecke deshalb (in strömendem Regen) zurückfahren. Scheiss Tag? Wartet es kommt noch besser! 30km vor Ankunft bei den Anderen erleidet Dominiks Vorderreifen einem spontaner Druckabfall welcher seinerseits einen wüsten Highsider und Sturz bei gut 60km nach sich zieht. Zum Glück keine weiteren humanen Schäden. Mitten auf der steilen Strasse probieren Dominic und Idiot #1 den Schlauch zu flicken, dreimal nehmen sie den Reifen wieder ab der Felge bis sie das auch das letzte Loch gefunden haben… Deppen. Es ist dunkel als wir bei den anderen eintreffen und wir sind noch etwa 150km vom Tagesziel entfernt. Doch dann wendet sich das Blatt zu unseren Gunsten. Laut Polizei ist es für ausländische Motorräder verboten in der Nacht zu fahren. Heisst wir müssen an Ort und Stelle campen. Wie geil! Endlich mal eine dumme Regel zu unseren Gunsten. Der Regen lässt nach und die Menschen bauen ihr Camp auf und machen, was Menschen nach einem solchen Tag halt zu machen pflegen: Party!

Die nächsten Tage fahren wir noch über einige hohe Pässe, zweimal geht es noch über 5000m und sicherlich drei, viermal auf über 4500m. Doch dann ist Schluss, irgendwann geht es nur noch stetig bergab, raus aus Tibet, rein nach Yunnan. Die Natur verändert sich, aus grau wird grün, die Luft wird wieder dicker und merklich feuchter, Wald ersetzt Steine. Und mit sinkender Höhe kommt der Regen. Wir sind in der Regenzeit von Südchina angekommen, alles wird wieder grau und dann passiert es. Lauter Knall, Pascal fliegt über einen Kieshaufen am Strassenrand. Seine AT kommt mitten auf der Fahrbahn zu liefgen, Einzelteile des Motorrads liegen überall verteilt auf dem Asphalt, Benzin läuft aus. Er selbst liegt am Strassenrand nur einige Meter von einem tiefen Abgrund entfernt.  Dominic und Idiot#2 bringen das Motorrad aus der Gefahrenzone, Idiot#1 kümmert sich, zusammen mit der herbeigeeilten Samaphorn, um Pascal. Michel sperrt derweil mit seinem Landrover die Strasse. Die restlichen Franzosen regeln den Verkehr und schicken die sensationsgeilen, fotografierenden und filmenden Chinesen zur Hölle. Alles innert Sekunden. Das Team funktioniert. Pascal erwacht vollständig und spricht. Zum Glück. Schulter scheint defekt, keine Chance um weiter zu fahren. Nach kurzer Schadensbeurteilung und Hillbilly-Reparatur am Strassenrand scheint die AT wieder einigermassen strassentauglich, Olivier zögert nicht lange und schmeisst sich in Pascals Kombi währenddessen der im Suzuki unterwegs ins Spital gebracht wird. Alles nochmals gut gegangen. Geile Reisegruppe denken wir und ziehen unseres Weges.

 

 

Wenige Kilometer von Dequen, der ersten Stadt in Yunnan, erreicht uns eine neue Hiobsbotschaft. Beim zurücksetzten zerfetzen unserem Lkw beide hinteren linken Pneus an scharfkantigen Steinen. Ersatz ist keiner mehr da. Nach unzähligen Telefonaten und Werkstattbesuchen stellt sich heraus, dass die europäische Standard Dimension 265x70x19.5 die der Iveco braucht, hier in China nicht auffindbar sind. Der Guide telefoniert sich das Ohr wund. Dann am nächsten Morgen findet er ein passendes Paar, in Kunming, 1000km entfernt. Wir schicken ein Auto los um die Pneus abzuholen. Wir restlichen der Gruppe stecken nun also vier Nächte in Dequen fest. Für Emil und mich gar nicht mal so schlecht. Wir werden gewaschen, kriegen neue hintere Bremsbeläge, die Kette gereinigt und geschmiert, ein Schlückchen Öl und sonstige kleinere Reperatürchen die die beiden vor sich hergeschoben haben. Auch neue Aufkleber kommen dazu und sonst noch ein wenig Schnickschnack wird an uns befestigt. Ich sehe mit meinen neuen Gebetsfahnen um die Fresse aus wie ein Hippiemotorrad.  Die beiden haben nun definitiv zu viel Zeit. Derweil spielt sich bei Pascal ein medizinisches Szenario ab, das seines Gleichen sucht: Im ersten Spital bekommt er eine Schulterluxation diagnostiziert, man könne ihn aber nicht behandeln, weil die notwendigen Anästhetika nicht vorrätig seien. Er soll in die nächst grössere Stadt, also Dequen. Dort angekommen, sagen die Ärzte, dass das Schultergelenk OK sei, jedoch sein Schlüsselbein gebrochen. Leider können sie ihn nicht behandeln, weil der Arzt der das normalerweise macht gerade im Urlaub sei. Er soll doch bitte zur nächst grösseren Stadt nach Shangri-La in ein grösseres Spital fahren. In Shangri-La lautet die Diagnose dann wieder Schulterluxation, die können das aber nicht reparieren, weil das Risiko zu gross sei die Schulter nach so langer Zeit wieder einzurenken. Er solle doch bitte nach Lijiang fahren ins nächst grössere Spital, dort werde man ihn operieren. Pascal reisst der Geduldsfaden und so fliegt er kurzerhand über Beijing zurück nachhause nach Brüssel um sich von richtigen Ärzten behandeln zu lassen.  Ja die medizinische Versorgung hier macht es uns auch nicht einfacher die Chinesen ins Herz zu schliessen. Die Gruppe beschliesst nun, auf direktem Weg nach Laos zu fahren und die Yunnan Sehenswürdigkeiten und den damit verbundenen Umweg sausen zu lassen. Sie wollen alle nur noch raus aus diesem Land.

Als dann die Reifen tatsächlich am vierten Tage eintreffen, fahren wir über Shangri-La weiter an einen kleinen See kurz vor Lijiang wo sie die Zelte aufschlagen und erst mal gemütlich bei BBQ und chinesischem Rotwein die letzten Tage revuepassieren lassen und über die Geschehnisse lachen können. «Wine always helps» sagte mal ein kleiner-grosser Mann. Der zweite Guide gibt nun auch vorfair und übergibt, nervengeschwächt, an den dritten Guide. Die pittoreske jedoch hoffnungslos überrestaurierte und zum Ballermann umgebaute «Altstadt» von Lijiang verlassen sie sogleich wieder und wir fahren weiter Richtung Süden gen Dali. Der Regen ist nun unser ständiger Begleiter. Wir dachten, als Schweizer, kennen wir uns mit Regen aus. Weit gefehlt. «Wenn hier der Monsun sein Bestes von sich gibt, dann hast du genau 30 Sekunden Zeit einen Unterstand zu finden. Andernfalls bist du klatschnass, Regenjacke und Regenkombi zum Trotz», sagen sie. Ihnen erschliesst sich nun der Ausdruck «Es regnete Bindfäden» in seiner wahren Bedeutung. Sie beklagen sich jedoch nicht, waren wir doch bis hier hin mit fantastischem Wetter gesegnet. In Dali wird auf einem Baustellenparkplatz gecampt und gelacht, langsam kommt wieder gute Stimmung auf. Weniger als 600km bis Laos. Eben diese ziehen wie im Fluge an uns vorbei, die Landschaft hat sich nun definitiv verändert. Am Strassenrand wachsen Bananen und Papaya und in den Bäumen klettern Affen. Auch das Klima ist nun tropisch mit Temperaturen zwischen 30 und 35°C und einer relativen Luftfeuchte von meist über 90%. Für uns eher ein müdes Lächeln, der Mensch jedoch scheint zu leiden unter der dicken Schutzausrüstung. Wir bemerken den schleichenden Gestank von langsam vor sich her marodierenden Textilien. Trocknen tut hier überhaupt nichts. Scheint aber alles egal, denn vor uns erscheint das Ortsschild von Mohan. Der Chinesisch-Laotischen Grenzstadt. In einer chaotischen Autowerkstatt befreien sie Amaurys Patrol aus dem Lkw. Dies muss gefeiert werden. Gesagt getan verschwindet die ganze Gruppe in der chinesischen Nacht und kommt, viel, viel später, torkelnd zurück zum Hotel. Nach 27 Tagen und fast 7000km ist es dann am nächsten Morgen geschafft, wir haben China überlebt. Hello Paradise, hello Laos!

Komplett fertig aber überglücklich

Euer Lisi

ps. Pascal geht es gut. Die Belgischen Ärzte fanden in 30 Minuten heraus, dass es sich nur um eine Schwellung handelte die in den nächsten Tagen abklingen wird… Love China!

 

pps. Leider kein Video. Idiot#1 hat in seiner Wut auf China unabsichtlich alle gelöscht…

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3 comments

  1. Jumb0 · August 8, 2017

    Holy Sh*t!! Passierschein A38 par excellence!! Aber dennoch eindrücklich, viel Glück für den Rest!!

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  2. Stefan Gardt · August 16, 2017

    Mädels, ihr seid die Geilsten! Weiter so! (Was für’n Glück bin ich nicht mehr dabei :-))

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  3. Philea Fogg · November 23, 2017

    Ich verstehe sehr gut, was ihr meint. Wir haben das Fahrzeug in Bischkek stehenlassen, weil wir echt keine Lust auf all die “Verordnungen” der Chinesen hatten…

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